Fortsetzungsroman: “Raststraße” von Joachim Kortner, Teil 51

Joachim Kortner: Raststraße. Roman in Episoden.

Romanepisoden von Joachim Kortner

Wattejacken

Mit dem Zug sollen sie kommen, die letzten Kriegsgefangenen.

Der Adenauer ist extra nach Moskau gefahren. In einem Sonderzug. Sogar seinen schwarzen dreihunderter Mercedes hat er dabei gehabt. Die Russen hat er unter den Tisch gesoffen, weiß Jakob zu erzählen. Weil die Deutschen vorher noch Öl getrunken haben, damit der Wodka nicht so schnell wirkt. Und mit dem Chruschtschow hat er sich noch ein Opernballett angeschaut.

Das hat er von seinem ältesten Bruder. Und der hat es in einer Illustrierten beim Zahnarzt gelesen, erzählt es aber, als ob er dabei gewesen wäre. Der Adenauer, der müsste Deutschland lebenslang regieren. Mit dem könnte man sich international wenigstens wieder sehen lassen. Nach der Pleite mit dem Schnauzbart.

Jakob weiß aus dem Coburger Tageblatt, dass die Gefangenen zuerst nach Friedland in ein großes Lager kommen. Die heißen jetzt Spätheimkehrer. Alle Erwachsenen tun so, als ob sie wüssten, wo Friedland ist. Seine Eltern haben es aber auch nicht gewusst. Und der älteste Bruder hat ihm geantwortet, das müsste irgend so ein Hottentottenkaff sein. Sonst würde er es doch schließlich kennen.

Im Kino hatten sie sich Jenseits von Eden mit James Dean angeschaut und davor die mageren Gestalten in der Wochenschau gesehen.

Wir grüßen die Heimat. Kreideschrift auf der Schiebetür des Güterwagens. Die bartstoppeligen, müden Gesichter. Manche sahen fast so alt aus wie der Opa Gustav. Aber auch junge Kerle. Unter den russischen Wattejacken geflickte Teile der alten Wehrmachtsuniform. Fast alle mit Schildmützen.

Auf dem Bahnsteig Frauen, Kinder und Rotkreuzschwestern.

Pappschilder fragen nach Vermissten.

Wer kennt Herrmann Horn? 2. Panzerregiment.

Frauen in Tränen überströmter Umarmung. Kinder lächeln scheu.

Die Enttäuschten. Die weißen Taschentücher. Suchschilder werden wieder eingerollt.

Und heute an diesem lauen Oktobertag steht er am Coburger Bahnhof. Das aus der Wochenschau will er hier noch einmal in Wirklichkeit sehen. Dafür hat er sich extra eine Bahnsteigkarte gekauft. Will bei den Umarmungen und Tränen ganz nah dabei sein. Vielleicht sogar mitbekommen, was die dabei sagen. Er glaubt, den Oberbürgermeister Walter Langer von hinten erkannt zu haben. Der dreht sich um und ist es nicht. Vielleicht ist es der falsche Zug. Mehr als dreißig Leute warten sowieso nicht.

Der Knacks im Lautsprecher. Vorsicht am Bahnsteig. Jakob lehnt sich über die Kante, hält Ausschau nach dem Rotbraun der Güterzüge. Aber die Lok schleppt nur einen normalen dunkelgrünen Personenzug herein. Das Geld für die Bahnsteigkarte hätte er sich sparen können.

In einem der ausrollenden Wagons öffnet sich ein Schiebefenster. Ein hageres Gesicht. Der Hut viel zu groß. Die Hand hält ein Stück Papier. Gudrun + Ludwig.

Hinter ihm ein greller Schrei. Eine Frau in grauem Mantel. Sie läuft neben dem Wagon her, verliert einen Schuh, bekommt die Hand mit dem Papier zu fassen. Der Zettel fällt auf den Bahnsteig. Ein älterer Herr hebt den Schuh auf, tippt der Frau auf die Schulter und legt ihn neben ihren Fuß. Die Frau und der Mann sehen sich an, fassen sich aus dem Zugfenster an beiden Händen. Die Frau wischt sich daran ihre Tränen ab. Die Frau schlüpft wieder in den Schuh, läuft zur Wagontür. Sie liegen sich in den Armen. Über den gepressten, zuckenden Mund laufen ihm seine Tränen. Den geschnürten Pappkarton hält er zwischen den Füßen.

Jakob geht schnell zur Treppe. Das war anders, als in der Wochenschau.


Raststraße: Roman in Episoden

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Raststraße

Roman in Episoden Joachim Kortner

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  • Paperback
  • 244 Seiten
  • ISBN-13: 9783833489839
  • Verlag: Books on Demand
  • Erscheinungsdatum: 28.04.2008
  • Sprache: Deutsch
  • Farbe: Nein

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